Facetten

Wenn es um Selbstverletzung geht, denken viele direkt an “Ritzen”. Doch dieses Thema ist soviel komplexer als man glauben mag. Es ist nämlich nicht einfach “nur” das schneiden…

An dieser Stelle möchte ich eine Trigger Warnung geben. Wer durch das sprechen über Selbstverletzung getriggert wird, sollte ab hier für sein eigenes Wohl nicht weiter lesen.

Und nochmal: Trigger Warnung - Ich weiß es gibt ab und zu Momente wo man sich bewusst triggern möchte. Bitte denke genau darüber nach.

Wieso verletzt man sich selbst?
Es gibt so viele verschiedene Gründe, dass sich ein Borderline Betroffener selbstverletzt. Und der Grund der wohl am meisten Vermutet wird ist tatsächlich oft der allerletzte Grund- Aufmerksamkeit.

Mit 12 wusste ich nicht mehr wohin mit mir, ich wurde in der Schule gehasst und hatte viele Probleme mit meinen Mitschülern. Die Familiensituation war damals auch nicht einfach und tatsächlich fühlte ich mich alleine - aber das Alleinsein war nur ein Symptom meines eigenen kleinen Lochs, was ich mir damals schon gegraben habe. Ich verschloß mich und ließ kaum noch jemanden an mich ran, da begann das Schneiden. Es vergingen ein paar Monate bis es auffiel, denn selbst im Sommer trug ich Langarmshirts und versuchte nicht aufzufallen. Irgendwann viel es jedoch auf und ich begann meine erste Therapie. Statt der Arme verletzte ich meinen rechten Oberschenkel, es sollte keiner wissen das ich noch nicht weg davon war. Die Therapie half mir nur bedingt, als Teenager wollte ich nicht hören, dass ich mich verändern müsste, waren doch alle Anderen gemein zu mir. Ich weiß noch, dass ich mich damals manchmal so leer gefühlt habe, dass ich einfach wenigstens ETWAS spüren wollte. Ich wollte spüren ob ich noch lebe. In diesen Momenten zeigte mir das Adrenalin und die Wärme, dass ich noch am leben war. Es war wie eine Sucht. Ein kleiner Kick um sich wieder Real zu fühlen.

Im laufe der letzten Jahre, bevor ich meine Therapie begann, gab es 2 Rückfälle. Da war es ein so immenses Stressgefühl, dass ich dachte ich zerberste innerlich. Meine Haut und mein Fleisch würden sich nach aussen stülpen und mein Kopf explodiert. Ich wusste nicht wie ich wieder zurück kam, wie ich wieder einen klaren Kopf bekommen sollte. Doch da viel es mir wieder ein und ich verletzte mich erneut.

Das nächste mal war kurz vor meiner Therapie, da wo ich gemerkt habe; so geht es nicht weiter.
Erneut war es eine Krise der ich nicht entfliehen konnte. Dazu kam ein Topf Selbsthass und Schuldgefühle. Eine Explosive Mischung, der mein Oberschenkel zum Opfer viel. Es waren Jahre, die zwischen diesen Vorfällen lagen. Und doch begleitete es mich stetig, in meinem Hinterkopf- als Notfalllösung.

Während meiner Therapie ist es auch noch einige Male mein Ausweg gewesen. Es gab einen Moment in dem ich mich so sehr selbst hasste und mich bestrafen wollte, dass ich wie in einem Blutrausch einfach weiter machte ohne zu sehen was ich überhaupt tat. Das Gefühl sich selbst für etwas zu bestrafen, dass man nicht mehr rückgänging machen konnte. Die Kontrolle irgendwie wieder zurück zu bekommen.

Sucht, Selbsthass, Bestrafung, die innerliche Leere füllen und sich selbst wieder wahrnehmen.

Für jeden gibt es andere Gründe, wieso er sich selbst verletzt. Niemals darf man das auf die leichte Schulter nehmen. Man darf den Betroffenen nicht bedrängen und ihn Hilfe aufzwingen, man muss ihm aber trotzdem zeigen, dass dieses Verhalten nicht ok ist. Eine schwierige Balance.

Wie kann Selbstverletzung noch aussehen?
Mal abgesehen von körperlichen Verletzungen wie: verbrennen, Haare ausreißen, extremes Aufpulen der Haut, selbst schlagen oder gegen Wände (auch mit dem Kopf), gibt es Selbstschädigendes Verhalten, welches ebenfalls zu ernsthaften Problemen führen kann oder Konzequenzen nach sich zieht die nicht einfach zu lösen sind.

Drogen- und Alkoholkonsum, riskantes Autofahren / über die Straße gehen, exzessives Geld ausgeben, Hungern oder auch Fressattacken sind nur ein paar der Dinge, mit denen man sich Selbstschädigen kann. Auch die Manipulation eigener Beziehungen und des Jobs können zur Selbstverletzung genutzt werden.

Auch können Beziehungen die schlecht für einen sind z.B. weil der Partner emotionalen oder auch körperlichen Missbrauch ausübt, eine Selbstschädigung sein. Die Gründe kann jeder nur für sich selbst heraus finden. Meist ist allerdings die Basis, ein schlechtes Selbstwertgefühl. Dieses gilt es zu stärken!

Das Problem bei der Selbstverletzung ist, dass vieles dazu missbraucht werden kann. Wenn also ein schädigendes Verhalten bekämpft wurde, kann es passieren, dass sich ein Anderes findet. Deswegen ist dieses Thema auch so breit gefächert. Man hat gelernt in den jeweiligen Situationen so zu handeln, dieses Verhalten abzustellen ist nicht leicht.

Der Betroffene muss lernen und verstehen, dass diese Verhaltensweisen nicht gesund sind.
Und selbst wenn er es verstanden hat, so ist es kein Garant dafür, dass es nie wieder passiert. Es ist ein langer Lernprozess für den man sich Geduld,Zeit und Hoffnung nehmen muss.

An dieser Stelle möchte ich auch nochmal darauf hinweisen, dass Selbstverletzung keine Narben braucht um valide zu sein. Es gibt Betroffene, die schneiden tief. Es gibt Betroffene, die schneiden leicht aber viel. Und es gibt Betroffene, die schneiden garnicht sondern zerstören sich ihre Beziehungen. Jede Form der Selbstverletzung ist Valide. Jede Form davon ist ernst zu nehmen.

Gerade heute habe ich bei meiner Therapie den verbalen Stempel erhalten, mich emotional zu stabilisieren. Ich habe in den letzten Monaten aufgeräumt, mein Haus (meine Seele) ist nun endlich renoviert. Ich musste es bis auf die Grundmauern zerstören, doch jetzt ist es stärker und schöner als je zuvor. Ich fühle mich stark und endlich klar. Wie als wären die Fenster geputzt worden.

Für einen kurzen Moment hatte ich Angst; “Aber jetzt bist du ja nicht mehr ernsthaft Krank! Jetzt nimmt dich keiner mehr ernst, wenn es dir mal schlecht geht!

- Du kleines Drecksstück. Versucht es doch immer wieder zurück in meinen Kopf zu kriechen-

Doch! Ich werde ernst genommen, denn ICH nehme mich ernst. Doch! Ich bin Krank, es ist immer da, aber ich habe gelernt damit um zu gehen! Ich kann stolz auf mich sein! Ich habe es geschafft, seit über 80 Tagen mich nicht mehr zu schneiden. Ich habe es geschafft mich selbstständig zu machen und ich schaffe es einen Alltag zu haben! - Das ist so viel mehr wert, als im Mitleid Anderer zu baden und das altbekannte Loch nicht zu verlassen.

>>A woman is unstoppable after she realizes, she deserves better<<

Vielen Dank für’s lesen!
Angi ♥