Borderline

 
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Was ist Borderline?
Wie fühlt es sich an?
Was geht in dem Betroffenen vor?

Am Anfang meiner Diagnose stand ein großes Fragezeichen. Was bedeutet diese Krankheit für mein weiteres Leben? Was genau zählt zu dieser Persöhnlichkeitsstörung und was nicht? Was bin ich? Soviele Fragen überkamen mich, eine Flutwelle der Ungewissheit und Angst.

Borderline ist nicht eingleisig, jeder erlebt es anders. Jeder hat andere Auslöser. Jeder andere Auswirkungen. Dies ist meine Borderline Persöhnlichkeitsstörung.

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Euphorie ist eine der Emotionen die ich spüre wie tausend Schmetterlinge im Bauch. Sie breitet sich aus wie ein Waldbrand und mein ganzer Körper zittert vor Endorphinen. Ein Beben der Stärke 9. Sie macht mich Blind, nicht nur für negative Einflüsse auch für alles Andere. Voll und ganz konsumiert sie mich und setzt mir Scheuklappen auf. Links und Rechts gibt es nicht, nur gerade aus in die unermessliche und strahlende Freude.

Und plötzlich, wie ein Fahrradfahrer der gegen eine soeben geöffnete Autotür klatscht, wie ein Wolkenbruch aus heiterem Himmel, wie der Blitzeinschlag in ein Haus, bricht Schuld über mich herein. Sie schreit mir ins Gehör, wie ein Tinitus setzt sie sich in mein Ohr. Als würde ein Xenomorph aus meiner Brust brechen, eine Ratte von innen an meiner Haut kratzen, als würde mein Blut aus Säure bestehen, brennt sich das Gefühl in mein Hirn.

WIESO solltest du glücklich sein?! Denk doch daran was du vor 5 Jahren mal zu jemandem gesagt hast, mit dem du heute eh keinen Kontakt mehr hast. Du bist ein grässlicher Mensch. Eine Schande für jeden um dich herum! Es ist deine Schuld, dass die Menschen um dich herum nicht glücklich sein können! Deine Schuld, dass die Welt stirbt! Deine Schuld, dass du so kaputt bist!

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Es kitzelt, in meinen Fingern, Zehen, einfach überall. Ein warmer Schauer läuft über meinen Rücken. Ein kleiner Schalk. Er sitzt auf meiner Schulter und flüstert mir zu, wie genial es jetzt wäre irgendwas verrücktes zu machen! Mein Herz beginnt zu rasen, Adrenalin weicht meine Eingeweide auf. Mein Puls lässt meine Halsschlagader pochen.

Lass uns alles machen was andere sich nicht trauen! Lass uns rauchen und saufen bis es keinen Morgen mehr gibt! Lass uns unser ganzes Gehalt an nur einem Tag verprassen! Lass uns betrunken auf irgendwas klettern, wenn wir fallen merken wir es eh nicht! Lass uns jemanden solange ärgern, bis er uns nicht mehr sehen will! Lass uns rücksichtslos alles machen was wir wollen!

Wie ein Schuss bin ich gepusht. Ich reite auf dem wilden Pferd namens YOLO. Live fast, Die young ist die Devise. Ich bin elektrisiert, das Adrenalin lässt mich zittern und Schmerz und Schwächen vergessen.

Ich öffne die Augen. Ein alter Bekannter lauert bereits unter meinem Bett. Wie ein Clown aus einem Horrorfilm, wartet er auf meinen ersten Schritt aus dem Bett um mich zu packen und mich mit ins Verderben zu reißen. Ich lasse es geschehen, ich hab keine Kraft um dagegen anzukämpfen. In diesem Loch ist es dunkel und leer. Wie eine alte Halle bei Nacht. Ich kann schreien und wimmern, doch man hört nichts. Wie unter Wasser ist es dumpf und leise. Ich sitze dort und starre in die Leere, bis sie mich völlig vereinnahmt, bis ich diese Leere bin.
Alles um mich herum scheint nicht da zu sein. Es ist mir gleichgültig was passiert. Es ist egal. Ich bin egal, denn ich bin nichts. Leer wie ein Einkaufszentrum nach Ladenschluss. Leer wie ein ausgetrockneter See. Mein Neffe lacht und sagt mir, dass er mich lieb hat. Ich lächle, doch nur außen. Drinnen regt sich nichts. 300 Menschen sind bei einem Erdrutsch gestorben? Oh. Nichts. Ich hab gerade eins meiner Lieblingsgläser fallen lassen und es ist in tausend Teile zersprungen? Aha. Ich habe mich geschnitten an einer dieser Scherben. Tja.

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Wer ist dieses heiße Teil im Spiegel. Alter, das bin ja ich! Wow. Hallo du Schöne, wo hast du dich die ganze Zeit versteckt? Komm mal her, wir zelebrieren uns heute ausgiebig und gönne uns ein bisschen Selbstliebe. Du hast es verdient. Genieße eine Pizza, trage schöne Unterwäsche, kämm deine Haare und putz deine Zähne. Zeig deiner Welt dein Lächeln, dein Booty! Jeder soll sehen wie stark und schön du bist! Du strahlst wie 10.000 Sonnen! Deine Weiblichkeit ist umwerfend! Alles was du dir als Ziel setzt wirst du erreichen!

Wie eine warme Umarmung legen sich diese Gedanken um mein Herz. Ich fühle mich wie in einer Badewanne voll Schokolade. Wie eine Wikinger Kriegerin. Ich will dieses Gefühl niemals aufgeben.

Ich blicke erneut in den Spiegel. 21...21...21.... 3 Sekunden zu lang und man hört das Glas in meinem Kopf zerspringen. Wie Tomaten, fällt es mir von den Augen. Das wahre ich. Das Scheusal, dass nur mit der bloßen Existenz bei jedem einen Würgreflex auslöst. Das was ich sehe ist abstoßend, wie zwei Magnete mit unterschiedlichen Polen. Wie grüner ätzender Schleim legt sich Hass um meine Kehle. Ich kann kaum atmen. Ich kann nicht realisieren, dass ich wirklich so unfassbar abartig bin. Wie Frankensteins Monster bestehe ich aus den falschen Körperteilen, nichts ist da wo es hingehört. Mein Blut fängt an zu Kochen, in meinem Mund schmeckt es nach Eisen. Mein Hirn wird gerade von Hannibal Lecter bearbeitet. Ein Tunnelblick lässt mich nur noch eins sehen. Ich breche zusammen. Der Hass ist wie 300 Sprengsätze in einem Hochhaus explodiert. Der Fußboden ist das Einzige auf dem ich mich aufhalten kann ohne es zu bequem zu haben. Meine Kehle schnürt sich zu, wie ein Korsett raubt mir der Hass den Atem. Der Schmerz, den mir der Hass wie ein heißes Eisen ins Herz brennt, ist nicht mehr ertragbar. Alles was ich mir jetzt noch selbst erlauben kann um mich daraus irgendwie zu retten ist den Hass rausfließen zu lassen.

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Das ist echt. Nichts davon ist dramatischer dargestellt, damit es aufregender wirkt. Nichts davon ist ausgedacht. Es ist real. Jeden Tag. Und es ist nicht alles. Doch alles würde diesen Post sprengen. Wieso teile ich diese tiefen, dreckigen Gefühle? Weil ich will, dass Menschen verstehen was eine Borderline Störung ist! Ich will nicht anders behandelt werden! Ich bin immer noch ich. Quasi ein Ich+. Eine Erweiterung ins Negative aber auch ins Positive. Immer wieder wenn mich Jemand fragt wie es mir geht, kann ich die Angst förmlich riechen.

"Oh hoffentlich ist sie nicht wieder am abdrehen. Hoffentlich hat sie sich nicht wieder selbstverletzt. Hoffentlich will sie nicht mit mir über ihre Probleme sprechen!"

Ich bin immernoch Angelina. Ich bin kein halbtoter Vogel den man von seiner Windschutzscheibe kratzt. Ich bin keine zerbrochene Vase die man niewieder zusammenkleben kann. Ich liebe es noch immer mit Freunden zu lachen, meine Familie zu umarmen und meinen Freund zu küssen. Ich liebe es Filme zu gucken und Popcorn zu essen. Ich singe noch immer ausgelassen zu meinen Lieblingsliedern. Ich bin ich. Ich bin nicht die Borderline Störung.

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Ich werde frei sein. Es ist ein schwerer Weg, aber es geht immer weiter.

Angi

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