Frankenstein's Monster - Oder wie sich Dysmorphophobie anfühlt

Oh ist es lange her, dass ich etwas geschrieben habe.
Dafür gibt es Tausend und Einen Grund die ich nun nicht detailiert erörtern will, wer will schon immer jeden scheiß hören? Oder?

Die letzten zwei Monate waren, milde ausgedrückt, auslaugend und verwirrend. Meine letzten Therapie Termine standen bevor, Weihachten rollte wie eine Welle auf mich zu und dazwischen machten sich schlechte Coping Mechanismen und Impulsivität breit. Die letzten Wochen hätte ich am liebsten verschlafen.

Unsere geplanten Urlaube über Weihnachten und Silvester platzten, Menschen von denen ich dachte sie wären mir nahe bewiesen meinem Borderline, dass niemandem zu trauen ist und ich mir nicht einbilden brauch, dass irgendeine Mühe auch nur ansatzweise etwas zurück bringen würde. Ohja, wie mich mein Borderline anschrie und mir ins Ohr brüllte “ICH HABS DIR DOCH GESAGT!” - “JEDER LÄSST DICH FRÜHER ODER SPÄTER ALLEIN!”…

Ich wollte nur noch, dass das Jahr ein Ende nimmt und mir sich ein neues Jahr bietet in dem ich vielleicht mal aus diesem Höllenkreis heraus komme. Aber leider war mir das nicht vergönnt, da sich direkt um kurz vor 12 mal wieder eine kleine Katastrophe in den Mittelpunkt drängte.

2019

Ich kann dich jetzt schon nicht leiden und um ehrlich zu sein habe ich garkeine Lust weiter zu machen wenn mir doch sowieso jedes mal etwas in die Quere kommt und mich zurück wirft.

Und trotzdem bin ich hier und schreibe diesen Text.
Ganz ehrlich, ich weiß selbst nicht woher diese Stärke manchmal kommt. Aber wenn sie da ist nutze ich sie. Und obwohl ich jetzt gerade kein Licht am Ende des Tunnels sehe so vertraue ich doch auf das Universum, Jonas und meinem eigenen Überlebenswillen dadurch zu kämpfen und doch irgendwann wieder die Sonne zu sehen.

Ich könnte stundenlang weiter schreiben, denn es hilft mir. Doch jetzt will ich mich einem Thema widmen, dass ich noch nie richtig angesprochen habe. Zu meinem Borderline gehört nämlich nicht nur eine Essstörung sondern auch Dysmorphophobie oder Englisch body dysmorphic disorder (BDD). Alle guten Dinge sind drei, nicht wahr?

Wie fühlt sich das an, BDD?

Wenn ich in den Spiegel schaue sehe ich einen verschrobenen Körper der aussieht als hätte ihn ein Verrückter zusammen gebastelt. Wie Frankenstein’s Monster sehe ich Beine die nicht zum Bauch passen, wie von einem anderen Körper sind sie an mir dran. Arme die absolut proportionsverkehrt sind als wären sie von Picasso gemalt worden. Ein Gesicht das einer heruntergefallenen Pizza gleicht, alles ist am falschen Ort und nichts ist gleichmäßig. Moment, plötzlich sehe ich 20kg schwerer aus und meine Hüften haben sich gerade innerhalb von 20 Sekunden verbreitert wie bei einem Ausziehtisch. Und selbst Frankenstein’s Monster sieht dann doch noch normal aus.

Ich packe mich in meine großen Schlabberklamotten die ich mir entweder absichtlich 1-2 Nummern größer kaufe oder die mir nicht mehr passen durch die 20kg Gewichtsverlust. Verstecke mich vor den Augen anderer, denn das ist auch das was sie sehen, oder? Sie sehen mich an und denken sich bestimmt “Na wer hat denn den Baukasten aus der Wohnung gelassen?

Doch das Beste kommt erst noch…
Ein neuer Tag bricht an - der Gang auf die Waage und vor den Spiegel sind schon ein automatisierter Vorgang - und hey, was ist denn das? Mein Bauch ist ja flach und meine Haut sieht heute gut aus! Hey die Form gefällt mir heute!
Plötzlich sehe ich meinen Körper wieder mit anderen Augen. Ich möchte mich fast soweit trauen und sagen, dass ich mich so sehe wie andere mich tatsächlich sehen.

Ohne mich zu sorgen ziehe ich mir “gute” Klamotten an. Ja, in meinem Kleiderschrank gibt es Klamotten die ich NUR tragen DARF wenn ich gut aussehe oder sie meines erachtens verdient habe.
So sorglos wie ich dann rumlaufe, sehe ich in Fenstern meine Reflektion. Moment mal…?
Und wie eine Fliegenklatsche schlägt mir “meine Realität” ins Gesicht und macht mir bewusst, dass ich wie eine Presswurst aussehe. Schämen sollte ich mich, so rauszugehen. Zu denken ich hätte solche Klamotten verdient grenzt ja schon an totalen Wahnsinn.

Verschroben. Falsch. Verkehrt. Unproportional. Abstoßend. Ekelhaft. Grotesk.

Wie ein unfertiges Puzzel sehe ich mich, wie ein Jenga Turm der kaum noch gerade stehen kann, wie eine Karikatur.

Das ist mein Alltag.

BDD ist nicht lustig und wenn Menschen das Gefühl haben, sie könnten daran leiden rate ich zu einer Therapie. Ich möchte aber nochmal ganz deutlich darauf hinweisen, dass Dysmorphophobie nicht jemand ist der häufiger sagt “Ich seh dick aus” - Dysmorphophobie beginnt im Kopf und ist meistens für Aussenstehende nicht zu sehen und schon garnicht nachvollziehbar. Es ist nicht das “Neujahrs - Vorsatz - Abnehmprogramm” es ist ein alltäglicher Zustand der in Depressionen und Essstörungen enden kann. Zu oft werden Psychische Krankheiten verharmlost oder falsch eingeschätzt, manchmal auch als lächerlich abgestempelt. Doch gerade bei diesen Krankheiten sollten wir alle versuchen mehr zu verstehen und zuzuhören. Das kann tatsächlich Leben retten.

Mir liegt noch sovieles auf der Seele, daher werden die nächsten Blog Posts wieder frequentierter erscheinen und weitere Themen enthalten die mir wichtig sind. Dank 12 weiteren Therapie Terminen habe ich auch einfach wieder die Kraft dafür.

Danke, dass du dies gelesen hast!

Angi